04.02.2026
Keine freien Tage: Die Anatomie des Sommers eines Eishockeyprofis

Wenn die Schlusssirene der Saison ertönt, stellen sich die meisten Fans vor, wie die Spieler für drei Monate wohlverdienter Ruhe an tropische Strände ausschwärmen. Die Realität sieht jedoch völlig anders aus. Für einen professionellen Eishockeyspieler ist die „Off-Season“ kein Urlaub, sondern die entscheidendste Trainingsphase des ganzen Jahres. Es ist ein akribisches, wissenschaftlich fundiertes Projekt, das darauf abzielt, den Körper wiederaufzubauen, neue Kraft zu schmieden und die Fähigkeiten abseits des grellen Scheinwerferlichts der Arenen zu verfeinern. Die Schufterei hört nicht auf, sie ändert nur ihre Form. Was in diesen Sommermonaten geschieht, ist das Fundament für den Erfolg – ein Plan, der den Athleten an seine Grenzen bringt, nur um ihn stärker, schneller und widerstandsfähiger für die zermürbende Saison wieder aufzubauen.

Die Dekompressionsphase: Aktive Erholung und mentale Neuausrichtung

Die ersten zwei bis vier Wochen der Off-Season werden wohl am häufigsten missverstanden. Dies ist keine Zeit der Inaktivität, sondern der gezielten, aktiven Erholung. Die körperliche Belastung einer Saison mit 82 Spielen plus Playoffs ist immens. Die Spieler haben mit einer ganzen Liste an lästigen Verletzungen zu kämpfen – Muskelzerrungen, tiefe Prellungen und Gelenkentzündungen. Das oberste Ziel ist es, dem Körper die nötige Zeit zur Heilung zu geben. Das bedeutet reduzierte Intensität, aber keinesfalls komplette Ruhe.

Die Spieler widmen sich belastungsarmen Aktivitäten wie Schwimmen, Yoga oder Wandern, um die Durchblutung zu fördern und die Regeneration zu unterstützen, ohne den Körper zu strapazieren. Diese Phase ist auch für die mentale Dekompression von entscheidender Bedeutung. Das stressgeladene Umfeld des Profisports erfordert einen psychologischen Neustart. Die Zeit mit der Familie, das Verfolgen anderer Hobbys und der Abstand von der Eisfläche ermöglichen es einem Spieler, die mentale Erschöpfung der Saison abzulegen. Viele spielen andere Sportarten wie Golf oder Tennis, was ihren Wettkampfinstinkt scharf hält und andere Muskelgruppen beansprucht. Das beugt einem Burnout vor und entfacht den Hunger auf Eishockey neu, wenn das Training wieder an Fahrt aufnimmt.

Den Motor schmieden: Der Kraft- und Konditionsblock

Den Motor schmieden: Der Kraft- und Konditionsblock
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Nach der Erholungsphase geht es ans Eingemachte. Dies ist das Herzstück des Sommers, ein Zeitraum von 8-10 Wochen, der sich auf den Aufbau der rohen physischen Grundlagen für die nächste Saison konzentriert. Das Training ist hochgradig individualisiert und wird von einem Team aus Krafttrainern und Sportwissenschaftlern auf die spezifischen Schwächen und Ziele eines Spielers zugeschnitten. Der Fokus liegt auf der Entwicklung fundamentaler Eigenschaften, die mitten in der Saison nicht aufgebaut werden können. Die Grundpfeiler dieser Phase umfassen:

  • Grundlagenkraft: Der Schwerpunkt liegt auf schweren Verbundübungen wie Kniebeugen, Kreuzheben und Überkopfdrücken. Hier geht es nicht um Ästhetik, sondern um den Aufbau der rohen Kraft, die notwendig ist, um Zweikämpfe an der Bande zu gewinnen, Checks zu absorbieren und die Stabilität auf dem Eis zu wahren.
  • Explosivkraft: Eishockey ist ein Spiel der kurzen, heftigen Energieausbrüche. Das Training spiegelt dies mit Plyometrie (Box Jumps, Standweitsprünge) und Übungen aus dem olympischen Gewichtheben (Reißen, Stoßen) wider. Diese Übungen trainieren das zentrale Nervensystem, Muskelfasern so schnell und kraftvoll wie möglich zu rekrutieren, was sich direkt in einem explosiveren ersten Schritt und einem härteren Schuss niederschlägt.
  • Unilaterales Training: Spieler verbringen die meiste Zeit auf einem Bein. Daher sind einbeinige Kniebeugen, Ausfallschritte und einarmiges Kurzhanteldrücken entscheidend. Diese Trainingsform fördert das Gleichgewicht und die Rumpfstabilität und korrigiert gleichzeitig muskuläre Dysbalancen – ein Schlüsselfaktor bei der Verletzungsprävention.
  • Gnadenlose Kondition: Dies ist weit mehr als nur Joggen. Um die Stop-and-Start-Natur eines Eishockey-Wechsels nachzubilden, beinhaltet das Konditionstraining hochintensives Intervalltraining (HIIT). Das kann von Sprints auf dem Assault Bike über das Schieben von Gewichtsschlitten (Sled Pushes) bis hin zu Hügelsprints reichen – alles darauf ausgelegt, die anaerobe Schwelle zu verschieben und sicherzustellen, dass dem „Motor“ des Spielers im dritten Drittel nicht der Sprit ausgeht.

Zurück auf dem Eis: Kraft in Technik umwandeln

In der letzten Phase des Sommers, die typischerweise Ende Juli oder Anfang August beginnt, dreht sich alles um den Transfer. Rohe Kraft ist nutzlos, wenn sie nicht effizient auf dem Eis eingesetzt werden kann. Jetzt wechseln die Spieler vom Kraftraum zurück in ihr natürliches Habitat. Die ersten Einheiten auf dem Eis sind keine Trainingsspiele. Sie sind hochtechnisch und darauf ausgerichtet, die neu gewonnene Kraft in eishockeyspezifische Bewegungen zu integrieren.

Dies beinhaltet intensive Power-Skating-Übungen mit Fokus auf Kantentechnik, Crossovers und explosive Antritte, um die Kraft aus dem Fitnessstudio funktional zu machen. Es umfasst Tausende von Wiederholungen beim Schießen und bei der Stocktechnik, oft im ermüdeten Zustand, um Spielbedingungen zu simulieren. Das Ziel ist es, die physischen Fortschritte in Fleisch und Blut übergehen zu lassen, sodass der Spieler während eines Spiels nicht über die Mechanik nachdenken muss. Es geht darum, die Brücke zwischen einem großartigen Athleten und einem großartigen Eishockeyspieler zu schlagen und sicherzustellen, dass jedes Gramm neuer Muskelmasse einen direkten Zweck erfüllt, wenn der Puck fällt.

Treibstoff und Fokus: Ernährung und mentale Vorbereitung

Das Fundament für diesen gesamten Prozess bilden zwei unsichtbare, aber lebenswichtige Komponenten: Ernährung und mentale Vorbereitung. Die Ernährung in der Off-Season ist ein Präzisionsinstrument. Während der Kraftaufbauphase nehmen die Spieler eine protein- und kalorienreiche Kost zu sich, um die Muskelreparatur und das Wachstum zu fördern. Wenn das Trainingslager näher rückt, wird die Ernährung schlanker, um die Körperzusammensetzung zu optimieren und das ideale Spielgewicht zu erreichen. Dies geschieht nicht auf gut Glück; es ist ein sorgfältig gesteuerter Plan aus Nährstoff-Timing und Makronährstoff-Balance.

Gleichzeitig wird das mentale Spiel geschärft. Die Spieler analysieren Videomaterial der letzten Saison, um Verbesserungspotenziale zu identifizieren. Sie arbeiten an Visualisierungstechniken und setzen sich klare, greifbare Ziele für das kommende Jahr. Der Sommer ist keine Flucht vor dem Eishockey; er ist die stille, harte Investition, die sich auszahlt, wenn die Saison beginnt. Es ist der Beweis dafür, dass Champions nicht nur während der Saison gemacht werden – sie werden in der Stille des Sommers geschmiedet.

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